Quittung im November
Montag, März 22, 2010 at 04:57PM Die Demokraten des Repräsentantenhauses haben am späten Sonntagabend einen historischen Sieg in dem langen Kampf um die Reform des nationalen Gesundheitssystems errungen. Das Gesetz wurde nach einem Jahr Verhandeln nun verabschiedet und soll jetzt 32 Millionen Menschen mehr absichern und eine Kostenersparnis ermöglichen, so die Washington Post. Dabei sind die wesentlichen Punkte:
- Eine Mitversicherung bei den Eltern ist bis zum 27. Lebensjahr möglich
- Minderjährige bis 19 Jahre können nicht wegen vorher vorhandener Erkrankungen von der Versicherung ausgeschlossen werden
- Erwachsene mit vorhandenen Erkrankungen, die bisher schwer versicherbar waren, können über „High Risk Pools“ subventionierte Versicherung bekommen. Zudem gibt es keine Leistungshöchstgrenzen mehr für die Absicherung
- Der Versicherungsschutz kann nicht mehr aufgehoben werden, wenn es zu einer Erkrankung kommt
- Kleine Unternehmen sind berechtigt für die Jahre 2009 und 2010 einen Steuergutschrift zu bekommen, die bis zu 35 Prozent ihrer Kosten für ihren Anteil an der Versicherung ihrer Arbeitnehmer ausmachen kann
- Alle Versicherer müssen ihre Bilanzen veröffentlichen und administrative Kosten, die Managervergütung und Unterstützungszahlungen ausweisen
Die USA Today berichtet derweilen über die Veränderungen der Gesetzesvorlage, die auf der Seite des Repräsentantenhauses getätigt wurden, bevor diese mit 219 zu 212 beschlossen wurde. Betroffene Amerikaner, die ein Jahr damit verbracht haben, dem Kongress bei dem „Kratzen und Beißen“ um die Gesetzgebung zuzuschauen, können nun versuchen rauszufinden, was dies konkret für sie bedeutet, so die New York Times.
Die Verabschiedung des Gesetzes am Sonntagabend hat gewährleistet, dass Obama – wie hoch auch immer die Kosten werden – als einer der wenigen Präsidenten in die Geschichte eingehen wird, die es geschafft haben, das Gesundheitssystem umzugestalten, so schwärmt die New York Times. Präsident Obama ist währenddessen sehr erpicht darauf, eine sofortige PR-Kampagne zu initiieren, um die Meinung der Amerikaner zur Gesundheitsreform zu ändern, schreibt die Washington Post in einem anderen Artikel. So behauptet Obama heute Morgen, dass die Freigabe zur Unterschrift vom Repräsentantenhaus das Resultat von Überparteilichkeit war, auch wen kein Republikaner zugestimmt hat, berichtet Roll Call. Die Planungen im West Wing des Weißen Hauses für die Zeit nach der Abstimmung sind derweilen still und leise fortgeschritten, gerade als der Präsident und seine Verbündeten auf dem Capitol Hill für die Durchsetzung der Gesetzesinitiative kämpften.
Einige Beobachter sagten als es der Abstimmung entgegenging, dass die Gesetzgebung sich viel “Industrie-freundlicher” entwickelt hat, als viele zunächst befürchtet hatten, so die New York Times. Krankenhäuser und Arzneimittelhersteller, die das Gesetz unterstützten, sind klar Begünstigte, auch wenn die Perspektiven für Versicherer weniger sicher wären. Derweilen fürchten größere Unternehmen, dass Obamas Gesundheitsreform sowohl zu viel, als auch zu wenig tun könnte, berichtet das Wall Street Journal. Das Gesetz trifft Unternehmen in vielfältiger Weise: von strengen Deckungsregeln bis zu neuen Steuern. Dies könnte dazu führen, dass es zu einer Änderung des Angebots der Gesundheitsvorsorge, die den Arbeitnehmern geboten wird, kommt. Viele große Unternehmen gehen daher bisher davon aus, dass die Maßnahme nur wenig dazu beitragen wird, die Gesundheitskosten niedrig zu halten. Das war anfangs ein Primärziel der Gesetzesinitiative.
Für Amerikaner, die dringend Gesundheitsvorsorge benötigen – eine Gefahr, die nie mehr als eine Diagnose oder eine Kündigung entfernt ist – war der Sonntag ein denkwürdiger Tag. Viele Leben werden gerettet werden. Und viele mehr werden verbessert werden, meint die USA Today. Anders sieht das Senator Jim DeMint in der USA Today: "Es ist nicht möglich das Gesetz abzumildern – es muss komplett rückgängig gemacht werden." Das Gesetz würde die Amerikaner zwingen, Gesundheitsversicherungen abzuschließen und damit ihren freien Willen beschränken, was verfassungswidrig sei. “Das könnte sich aber schwieriger gestalten, als die Republikaner es sich jetzt vorstellen," warnt Dana Milbank in der Washington Post. Mehr als 20 hoffnungsvolle Republikaner haben ihre Senat-Kandidatur an eine Aufhebung des Gesetzes gebunden.
"Yes, we did. Endlich kann Präsident Obama diese Worte berechtigt sagen,” lobt E.J. Dionne Jr. in der Washington Post. „Die Verabschiedung des Gesetzes hat gezeigt, dass Washington sich tatsächlich geändert hat.” „Unsere Hoffnung und unser Glaube ist es, dass diese Reform am Ende ihre großen Ziele erreichen wird”, äußert die New York Times hoffnungsvoll . „Die gute Nachricht für alle Amerikaner ist jetzt, dass ein Wendeprozess endlich begonnen hat, auch neben aller Quertreiberei.“ Hingegen meint das Wall Street Journal, dass die Abstimmung dieser Woche noch nicht das Ende der Debatte ist. „Indem das Gesundheitssystem nun stärker staatlich reglementiert wird, wird garantiert, dass solche Debatten niemals enden werden.”
Eine Anfechtung der Obamacare bezüglich der Verfassungsmäßigkeit wird den Obersten Gerichtshof in den kommenden Monaten erreichen, prophezeit der Washington Examiner. „Aber was auch immer die Entscheidung sein wird, sie wird nicht so unerfreulich sein wie das Urteil, dass die Demokraten von ihren Wählern im November hören werden.“ Denn wahrscheinlich war die bemerkenswerteste Leistung der Demokraten in dieser Woche, dass sie den Prozess der Verabschiedung genauso politisch aufgeladen haben wie das Gesetz selbst, meint Kimberley Strassel im Wall Street Journal. Zweifel machen sich auch bezüglich des Zusammenhalts der Demokraten breit: „Wir wissen, dass dieses Gesetz nicht in Stein gemeißelt ist. Die Demokraten im Senat haben versprochen, die Änderungen des Repräsentantenhauses zu übernehmen. Schauen wir, wie das laufen wird“, warnt die Chicago Tribune.
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