Obamas Katrina?
Donnerstag, Juni 3, 2010 at 10:38AM Sechs Wochen nach Beginn der größten Ölkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten sprudelt das Öl scheinbar unaufhaltbar weiter. Während die beteiligten Firmen sich gegenseitig die Schuld zuweisen und sowohl die Bevölkerung als auch die Opposition der Regierung Untätigkeit vorwirft, wächst der Druck auf den Präsidenten zu handeln, um wieder die Oberhand (über die Berichterstattung in den Medien) zu gewinnen.
Whose Oil Spill Is It?
Am Abend des 20. April 2010 war es auf der Bohrinsel Deepwater Horizon zu einer Explosion gekommen, die zum Brand und schließlich zum Sinken der Plattform führte. Seitdem fließt ungehindert Rohöl in den Golf und bedroht sowohl die Umwelt, als auch die Existenz der von Fischfang und Tourismus abhängigen Küstenanwohnern Louisianas, Mississippis, Alabamas, und Floridas. Angesichts des gravierenden Ausmaßes der sich anbahnenden Katastrophe, überrascht es nicht, dass bei den Anhörungen vor dem US-Kongress Mitte Mai die drei hauptverantwortlichen Firmen unermüdlich damit beschäftigt waren, die Schuld von sich zu weisen.
Der Vorsitzende von BP America Lamar McKay sagte, dass Transocean sowohl der Eigentümer als auch der Betreiber der Bohrinsel sei und deshalb auch für den Unfall verantwortlich. Nur sieben von den 127 auf der Bohrinsel Beschäftigten seien Mitarbeiter von BP gewesen. Sein Kollege bei Transocean, Steven Newmann, meint hingegen, dass das Unternehmen lediglich den Auftrag erfüllt hätte, so wie BP ihn gegeben habe. Berichten zufolge soll Transocean aber bei Probebohrungen Testergebnisse erhalten haben, die auf Fehler hingewiesen haben. Diese hätte man einfach ignoriert. Newmann meint jedoch, dass BP falsche Anweisungen erteilt hätte und Halliburton Fehler bei der Einzementierung des Bohrlochs gemacht habe. Daher wären diese beiden an dem Unglück Schuld, berichtet die Washington Post. Der Sicherheitschef von Halliburton Tim Probert behauptet jedoch ebenfalls nur getan zu haben, wie ihm von Transocean verheißen und verweist darauf, dass zum Unglückszeitpunkt nicht Halliburton, sondern Transocean auf der Bohrinsel gearbeitet habe, berichtet die Huffington Post. Transocean habe seine Arbeiten begonnen, bevor der Zement getrocknet und das Bohrloch versiegelt war. Dadurch wäre ein Druck entstanden, dem das Sicherheitsventil nicht standhielt, weshalb es zur Explosion kam. Untersuchungen haben mittlerweile herausgefunden, dass das Sicherheitsventil versagt hat, weil es sowohl eine leere Batterie, als auch undichte Stellen im Hydrauliksystem hatte. Darüberhinaus war es lediglich eine Testversion der so wesentlichen Schlüsselkomponente, berichtet die Washington Post.
Laut dem Wall Street Journal ist bei drei von vier Fällen, bei denen es zu Untersuchungen von Problemen auf Bohrinseln durch staatliche Behörden gekommen war, Transocean als Betreiber aufgefallen. Trotz der uneinsichtigen Schuldlage kündigte BP an, für den kompletten entstandenen Schaden aufzukommen, auch wenn es die Summe der Haftpflichtobergrenze von $75 Millionen übersteigen sollte, berichtet ABC News. (Im Gegensatz dazu kündigte Transocean an, lediglich die Summe von $27 Millionen zur Verfügung zu stellen. Das Unternehmen beruft sich hierbei auf den „Limitation of Liability Act“ von 1851, der dem Eigentümer bescheinigt lediglich für den Wert des Objekts nach Schadenseintritt verantwortlich zu sein. Der Wert der Bohrinsel hat sich nach dem Unglück von $650 Millionen auf $26.764.083 verringert, so das Wall Street Journal.) Präsident Obama kündigte jedoch unterdessen an, sowohl den „Limitation of Liability Act“ als auch den „Oil Pollution Act“ zu modifizieren, um die Haftpflichtobergrenzen für wirtschaftliche Schäden ($75 Mio.) und die Reinigungskosten ($1 Mill.) anzuheben, berichtet Politico.
It’s the Industry’s Fault
Während die Konservativen die Ölkatastrophe als Obamas Katrina bezeichnen, sehen die Demokraten das Unglück als Beweis dafür an, dass die Unternehmen verstärkten Regierungskontrollen unterliegen sollten. Drei Wochen vor der Katastrophe hatte Präsident Barack Obama noch proklamiert, dass man Tiefsee-Ölbohrungen vorantreiben solle. Aufgrund des hohen technologischen Standards sei dies ungefährlich und Ölkatastrophen damit sehr unwahrscheinlich, sagte er damals. Bei einer Pressekonferenz vergangenen Donnerstag erklärte er sich nun für verantwortlich und sagte gleichzeitig, dass er sich unglücklicherweise auf die Aussagen der Ölkonzerne verlassen hatte. Diese hatten ihm versichert, dass die Bohrungen sicher seien und sie im Falle des Falles miteinander kooperieren und für den Schaden aufkommen würden. Dennoch müsse man die Ölgewinnung weiterhin vorantreiben, um nicht vom Import anderer Länder abhängig zu werden. Um derartigen Katastrophen in Zukunft vorzubeugen, wären allerdings einige Neuregelungen von Nöten. Diese würden striktere Sicherheitsvorkehrungen und Kontrollauflagen für die Konzerne vorsehen, so Roll Call. Die Obama-Regierung würde zukünftige Ölbohrungen landesweit zunächst stoppen. Nichtsdestotrotz sind am gleichen Tag sieben neue Genehmigungen für Ölbohrungen verschiedenster Art erteilt worden, berichtet die New York Times. Die Verantwortlichen meinen zu den Vorwürfen, dass sie nie behauptet hätten, alle Bohrungen zu stoppen sondern lediglich die Erschließung neuer Ölfelder.
„Misconduct, Mismanagement and Spill“
Während Obama zunehmend um sein politisches Überleben kämpfen muss, mehrt sich die Kritik an den zuständigen Behörden, insbesondere dem als korrupt geltenden Minerals Management Service (MMS). Es ist nicht sicher, ob deren Leiterin Elisabeth Birnbaum vergangenen Donnerstag zurückgetreten ist oder gefeuert wurde – Fest steht, dass Obama sie dafür kritisierte, den Ölkonzernen zu viele Freiheiten eingeräumt zu haben. US-Innenminister Ken Salazar erklärte daher jüngst mit seinen Kollegen in Behörde „aufräumen zu wollen“. „Hört sich ganz nach einem „Top Kill“ im Innenministerium an“, kommentiert dies dann auch Dana Milbank in der Washington Post. Das MMS war seit längerer Zeit in Verruf geraten, für kleine Gefälligkeiten (Angeltouren, Footballspielkarten, Hubschrauberflüge) der Konzerne, auf genauere Kontrollen zu verzichten. Ölkonzernen sollen Kontrollformulare mit Bleistift vorausgefüllt haben, so dass die „Ermittler“ lediglich ihren Stempel daraufsetzen mussten, berichtet die Washington Post. Die unterlassenen Kontrollen haben wohl auch zu dem jüngsten Unglück ihren Teil beigetragen. MMS hatte BP und anderen Ölkonzernen die Berechtigung dazu gegeben, Bohrungen im Golf von Mexiko durchzuführen, ohne vorher weitere Genehmigungen von entsprechenden Behörden einzuholen, die vor den potentiellen Gefahren solcher Bohrungen gewarnt hatten, so die New York Times. Damit hat das MMS gegen den „National Environmental Policy Act“ verstoßen.
MMS würde jetzt für „Misconduct, Mismanagement and Spill“ stehen, zitiert Milbank den Demokratischen Abgeordneten Ed Markey. Innenminister Salazar kündigte deswegen bereits an, die Aufgabenbereiche des Ministeriums auf drei neue Organe zu verteilen, um der Korruption ein Ende zu bereiten. Die Korruption im MMS hätte sich während Bushs Amtszeit im Ministerium breit gemacht, meinen die Demokraten. Während die Republikaner die ehemalige Bush-Regierung nicht in die Verantwortung ziehen wollen und nicht verstehen, warum sich die Regierung plötzlich für die Machenschaften der MMS-Mitarbeiter interessiere, bezeichnet Salazar das MMS als Paradies der Öl-und Gasbarone, von denen ein Großteil der Republikaner lange gezehrt hätte. Der Demokratische Vorsitzende des House Oversight and Government Reform Committee Edolphus Towns sagte am Sonntag, dass die Untersuchungen seines Ausschusses herausfinden werden, inwiefern die Bundesbehörde MMS in ihren Entscheidungen von Korruption beeinflusst war, zitiert ihn The Hill.
Obama: MIA?
Die kritischen Stimmen werden deswegen immer lauter. Präsident Barack Obama steht unter enormen Druck endlich tätig zu werden oder zumindest den Anschein zu erwecken, die Situation im Griff zu haben. Mit jedem weiteren Tag bietet er seinen Kontrahenten mehr Angriffsfläche und erweckt zunehmend Zweifel, der Führungsposition eines Präsidenten wirklich gewachsen zu sein. Peggy Noonan sieht in Obamas schwacher Reaktion auf das Unglück seinen politischen Untergang, genauso wie Katrina das Ende für Präsident Bush besiegelt hatte. Obama habe zu lange versucht, die alleinige Verantwortung auf die Ölkonzerne zu schieben und sich damit aus der Verantwortung zu ziehen. Das sei einem Präsidenten nicht würdig, schreibt sie im Wall Street Journal. Der Republikanische Abgeordnete Steve Scalise aus Louisiana sieht dies ähnlich und meint, dass man niemanden bräuchte, der mit dem Finger auf andere zeige, sondern „einen Mann der Stunde“. Auch wenn die Regierung nicht das technische Know-How hätte, könne sie zumindest Ressourcen zur Verfügung stellen, zitiert ihn die USA Today. Diese Ansicht unterstützt auch eine jüngst von der USA Today veröffentlichte Umfrage. Die meisten der Küstenanwohner würden zwar verstehen, dass nur BP selber dazu in der Lage sei, das Leck zu reparieren. Dennoch würden 6 von 10 Amerikanern der Meinung sein, dass die amerikanische Regierung ihren Aufgaben nur ungenügend nachkommen würde. Die Reaktion der Regierung sei mehr als schwach und noch enttäuschender als die der Regierung Bush 2005 auf Katrina, so USA Today. Obama verteidigte sich diesbezüglich während der Pressekonferenz letzte Woche: Beobachter die meinten, die Regierung habe zu langsam reagiert, würden die Fakten nicht kennen, zitiert ihn die Washington Post.
Der Chefberater des Weißen Hauses, David Axelrod, verteidigt seinen Vorgesetzten. Der Vergleich zu Katrina würde fälschlicherweise suggerieren, dass sich die Regierung der Ausmaße der Katastrophe nicht bewusst gewesen wäre. Ozeanographen werfen der Regierung derweilen vor, versäumt zu haben, einen ausführlichen Schadensbericht anfertigen zu lassen, der es BP erlauben würde das Ausmaß des wirklichen Schadens zu vertuschen, schreibt die New York Times. BP-Chef Tony Hayward versicherte unterdessen, dass sie ihre Anstrengungen verdoppeln werden, um den durch das Öl verursachten Schaden im Zaum zu halten. Das nachdem BP-Geschäftsführer Bob Dudley vor zwei Wochen das Versinken der Bohranlage zum ersten Mal überhaupt als Katastrophe bezeichnet hatte, so die USA Today.
Opportunity in Every Crisis
Während Obama zunehmend in die Defensive gerät, bietet die Katastrophe als Karrieresprungbrett für Gouverneur Bobby Jindal an, bereits im vergangenen Jahr als potentieller Präsidentschaftskandidat gehandelt wurde. Geboren als Sohn indischer Immigranten, wurde er mit nur 24 Jahren zum Leiter des Gesundheitsministeriums von Louisiana. Danach wurde er Kongressabgeordneter und gewann vor drei Jahren die Wahl zum Gouverneur mit dem Versprechen, den katastrophengebeutelten Bundesstaat vor weiterem Unheil zu beschützen, so die Washington Post. Louisiana ist einer der am stärksten von dem Ausmaß der Katastrophe betroffenen Bundesstaaten und hat nicht die Ressourcen, seine Küsten vor weiteren Schäden zu schützen. Jindal spricht sich daher lautstark dafür aus, schnellstmöglich Schutzwälle aus Sand zu bauen, um das Vordringen des Ölteppichs in die Sumpfgebiete des Inlands zu stoppen. (Die Effektivität dieser Methode wird dabei von Spezialisten angezweifelt.) Jindal nimmt dabei eine Musterrolle im Kampf gegen das Öl ein. Er ist unermüdlich damit beschäftigt, sich das Ausmaß der Katastrophe vor Ort anzusehen, „überdetaillierte“ Pressekonferenzen darüber zu geben und die Regierung um Geld zu bitten, so die Washington Post. Dennoch steht Jindals Hilfeschrei nach der Regierung in Washington im scharfen Kontrast zu dem von ihm vertretenen Credo. „Die Stärke der Amerikaner liegt nicht in ihrer Regierung, sondern in den Herzen und dem Unternehmergeist der Bürger von Amerika!“, erklärte er im Februar letzten Jahres nach einer Ansprache Obamas an den Kongress. Da er selber im Kampf gegen das Öl nicht viel bewirken kann, da es ihm nicht möglich ist, schärfere Regulierungen durchzusetzen, bleibt Jindal also momentan nichts Anderes übrig, außer gegen die Regierung in Washington zu wettern, so das National Journal.
„Wir finden Deregulierung wunderbar, bis wir erkennen, dass jemand die Regeln missachtet hat. Genauso ist jeder ein Kapitalist, bis das Unternehmen in Schwierigkeiten gerät. Dann wird plötzlich jeder zum Sozialist und will, dass der Staat die Dinge gerade biegt, weil man meint, er hätte genauso viel Macht, wie die Tea Party Bewegung ihm vorwirft zu haben. Die Wahrheit ist aber, dass wir den Staat entmachtet und die Verantwortung an den privaten Sektor gegeben haben. Dieser wird das Allgemeinwohl aber niemals als seine Priorität ansehen. Die Ölkatastrophe ist daher das Resultat unserer eigenen Widersprüche“, meint E.J. Dionne Jr. in der Washington Post.
Ein Desaster ohne Ende?
Währenddessen scheiterte am Wochenende ein erneuter Versuch BPs das Bohrloch zu verstopfen. Bei der angewandten „Top Kill“ Methode handelte es sich um ein Verfahren, welches vorsah das Bohrloch durch dessen Beschuss mit einer schweren Schlammmasse zu verschließen. Da diese Methode sehr kompliziert ist und man nicht sicher war, ob der dabei entstehende Druck einen noch schlimmeren Schaden verursachen könnte, dauerten bereits die Vorbereitungen länger als geplant, berichtet die Washington Post. Der Erfolg der „Top Kill“ Methode war daher von Anfang an fragwürdig, so die New York Times. BP ist nun dazu gezwungen andere, noch riskantere Methoden auszuprobieren, deren Aussichten auf Erfolg jedoch geringer sind, als jene darauf den Schaden zu verschlimmern, meint der Telegraph. Man verfolgt nun den Plan das Bohrloch von innen zu verschließen. Dafür sind jedoch komplizierte Entlastungsbohrungen in den alten Förderschacht von der Seite nötig. Parallel versucht BP einen Trichter über dem Bohrloch zu platzieren, um einen Teil des austretenden Öls einzufangen und in Tankschiffe zu pumpen.
Vor August könnte man mit einer effektiven Begrenzung des Schadens jedoch nicht rechnen. Es sieht daher so aus, als wäre die größte Ölkatastrophe in Amerikas Geschichte auch ein Wendepunkt in Obamas politischer Karriere. Vor zwei Wochen versuchte man aggressiv die Kontrolle über die Berichterstattung über die Katastrophe zurückzugewinnen: Da BP es bislang versäumt hatte, das Austreten des Öls zu stoppen, drohte Innenminister Salazar damit, dem Konzern die Hauptverantwortung bei den Schadensbegrenzungsversuchen zu entziehen, berichtet The Hill. Kurze Zeit darauf musste man sich allerdings eingestehen, dass man nicht über das technische Know-How und die Ressourcen verfügte, um der Katastrophe alleine ein Ende zu bereiten, schreibt Politico. Jetzt kündigt die Obama-Regierung an, zivile und strafrechtliche Untersuchungen gegen BP einzuleiten, woraufhin deren Aktionäre anfingen, ihre Anteile abzustoßen, so die New York Times. Damit droht die Krise zum Sinnbild für Obamas zweite Amtszeit zu werden, schreibt die New York Times in einem weiteren Artikel.
Auch wenn nur wenige direkt von dem Desaster betroffen sind, so verfolgt man die Entwicklungen gespannt. Der „BP Oil Spill Live Feed“, auf dem man das braune Gold ins Meer strömen sieht, wurde allein vergangenen Dienstag mehr als 300.000 Mal angeklickt, so die New York Times. Es bleibt allerdings offen, inwiefern es Obama schaffen kann, diese Notlage zu nutzen, um seine Umweltpolitik durchzusetzen. Bisher stehen die Zeichen dafür schlecht, auch wenn die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin nicht mehr mit dem Slogan „Drill, Baby, Drill!“ hausieren geht, schreibt The Hill.

