Fast ein Jahr nachdem eine neue Kriegsstrategie für Afghanistan verabschiedet wurde, wird deutlich, dass der mangelnde Fortschritt in Afghanistan nicht auf ein militärisches, sondern auf das politische Versagen eine handlungsfähige Regierung aufzubauen, zurückzuführen ist. Der afghanische Präsident Hamid Karsai trat vergangene Woche einen dreitägigen Regierungsbesuch in Washington D.C. an. Die geplante Militäroffensive in der Region Kandahar, sowie die jüngsten Vorwürfe („der Westen habe die afghanischen Präsidentschaftswahlen manipuliert“) und Drohungen Karsais („wenn der Druck aus dem Westen nicht abnehmen würde, würde er den Taliban beitreten“) gegenüber dem Westen, machten diesen Staatsbesuch quasi unumgänglich.
Vorwürfe von allen Seiten
Einem Bericht des Pentagons zufolge hat sich die Situation in Afghanistan, wenn überhaupt, nur minimal verbessert. Auch wenn es dem Militär gelungen sei, die aufständischen Taliban aus einigen Regionen zu vertreiben, hätten sie neue Zufluchtsorte gefunden, insbesondere im Norden und Nordwesten des Landes. Es gäbe darüberhinaus inzwischen mehr als ein halbes Dutzend von aufständischen Gruppen, deren Vorstellungen stark voneinander abweichen, weshalb das Vorgehen gegen sie zunehmend schwieriger würde. Die Situation würde obendrein dadurch verschärft, dass die Regierung nur auf 60 dieser 120 Bezirke Kontrolle ausüben könne, wofür die Gegend um Marjah das beste Beispiel sei. Obwohl eine US-Militäroffensive im Februar die Taliban größtenteils aus der Region um Marjah vertreiben konnte, ist es der US-Regierung bislang nicht gelungen, eine stabile Regierung vor Ort zu etablieren. Das Problem sei dabei, dass auch wenn amerikanische Truppen die militanten Kämpfer vertreiben könnten, sich entweder gar keine oder aber nur eine zutiefst korrupte, sich vor Ort verschanzende Regierung finden würde, wie zum Beispiel Karsais Halbbruder in Kandahar. Diese Regierungen würden keine Unterstützung beim Volk finden und seien daher hochgradig instabil. Die afghanische Polizei sei nicht dazu in der Lage, für die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen und gegen die immense Korruption im Lande vorzugehen. Es überrascht daher nicht, wenn nur ein Viertel der Bevölkerung in den 120 Bezirken, die vom Pentagon als maßgeblich für die Stabilität Afghanistans angesehen werden, der Regierung in Kabul traut, so die New York Times.
Die anhaltenden Vorwürfe des Westens gegenüber Karsai, sich nicht genug gegen Korruption einzusetzen, haben die politischen Beziehungen stark auf die Probe gestellt. Der amerikanische Botschafter in Afghanistan, Karl Eikenberry, bezeichnete den Präsidenten jüngst als inadäquaten strategischer Partner. Hillary M. Leverett, ehemaliges Mitglied des National Security Council, meint, dass es nie Amerikas Absicht war, ihm wirklich Macht zu geben. Er sei lediglich aus zwei Gründen eingesetzt worden: als Angehöriger des Stammes der Paschtunen konnte er sowohl als Verhandlungspartner bei den übrigen Stammesführern als auch international glaubhaft auftreten. Dieser Krieg sei und werde daher niemals Karsais sein.
Das erklärt vielleicht auch warum die Anstrengungen der afghanischen Regierung bis Dato ungemein gering gewesen sind. Außer ein Minimalmaß an Sicherheitsmaßnahmen, Arbeitsplätzen, Wasser und Strom würde die Regierung nichts leisten, so die New York Times in einem Kommentar. Daher sei der gesamte Fortschritt ungemein langsam. Die anhaltende Gewalt erschwere die Hilfsprogramme im erheblichen Maße und würde immense Zusatzkosten verursachen, so die Times weiter.
Obamas Kampf gegen den Terror in Afghanistan wird darüberhinaus dadurch erschwert, dass es Unstimmigkeiten in den eigenen Reihen gibt: Der US-Oberbefehlshaber in Afghanistan General McChrystal sowie sein ziviler Gegenspieler, Botschafter Eikenberry, sind sich nicht immer eins was die Afghanistanpolitik angeht. Ebenfalls problematisch ist, dass die NATO-Partner, die Obamas Strategie verfolgen sollten, weder auf ihn noch auf General McChrystal hören, so Jackson Diehl in der Washington Post.
Laut McChrystal wäre das kommende Jahr entscheidend für den Ausgang dieses Krieges, zitiert ihn die Washington Post. Der geplante Abzugsbeginn der amerikanischen Truppen für den Sommer 2011 hat dabei für weitere Unruhen gesorgt. Karsai sei der Ansicht, dass sobald die amerikanischen Truppen nicht mehr vor Ort seien, die Taliban wieder an die Macht kämen. Daher würde auch die Bevölkerung die afghanische Regierung nicht unterstützen, zitiert ihn die New York Times.
Beste Freunde im Weißen Haus
Vergangenen Mittwoch versprach Obama daher Karsai öffentlichkeitswirksam, dass amerikanische Truppen langfristig in Afghanistan bleiben würden, auch wenn er seine Abzugspläne weiterhin verfolgen würde. Laut der New York Times war das Treffen im Weißen Haus jedoch eher von dem geprägt, was nicht gesagt wurde. Beide Präsidenten spielten die Spannungen der letzten Monate herunter und Karsai erklärte strahlend, dass Afghanistan ein Freund und Verbündeter der USA sei, so die New York Times. Sie kämpften einen gemeinsamen Krieg gegen Terrorismus, wobei es natürlich manchmal verschiedene Ansichten gäbe, zitiert die Washington Post Karsai. Laut amerikanischen Regierungsvertretern wurde im Vorhinein ausgeschlossen, Karsai bei diesem Treffen auf die Korruptionsvorwürfe anzusprechen, um ihn nicht erneut zu echauffieren, so die New York Times. Daher soll Obama auch nur geringfügig auf die Korruption und den Drogenhandel eingegangen sein, die Regierungsvertretern zufolge, die Hauptursachen für das Wiederaufleben der Taliban seien. Außenministerin Clinton hatte vergangenen November darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig Karsais Vorgehen gegen Korruption sei, um sich die Unterstützung des Volkes zu sichern. General James L. Jones urteilte damals ähnlich, dass Karsai auch in seiner zweiten Amtszeit nicht verstanden hätte, wie wichtig es sei, gegen Korruption vorzugehen. (Dem Drängen der Amerikaner seinen Halbbruder abzusetzen, begegnet er nun damit, ein demokratisch gewähltes Regierungsmitglied nicht einfach entlassen zu können, so die Washington Post.) Eine Woche nachdem Karsai damit gedroht hatte, zu den Taliban überzutreten, sollte der Westen nicht aufhören Druck auf ihn auszuüben, lobte Obama ihn nun für die Fortschritte, die Afghanistan in der letzten Zeit gemacht hätte. Obama bestätigte darüberhinaus, dass er Karsai in seinem Bestreben, gemäßigte Taliban wieder in die afghanische Gesellschaft zu integrieren, solange sie ihre Kooperation mit Al Qaida und anderen Extremisten beendeten, unterstützen würde. Karsai plant hierfür im Juni eine Friedenskonferenz in Kabul einzuberufen. Karsai betonte in seiner Rede außerdem, dass Amerikas Einsatz in Afghanistan, auch nach dem militärischen andauern und weit in die Zukunft reichen solle. Auch Hillary Clinton bestätigte, dass die beiden Regierungen dabei seien, einen Langzeitplan auszuarbeiten, der den ersetzen solle, der von Karsai und dem ehemaligen Präsidenten George W. Bush 2005 unterzeichnet worden sei, so die Washington Post.
More Power to the Locals
Die Strategie der Amerikaner ist es nun Beziehungen zu den Stammesführern in den einzelnen Regionen aufzubauen, um die Unterstützung der Regierung vor Ort zu sichern bzw. das Machtvakuum zu füllen. Zentrales Ziel ist es dabei, lokale Regierungen in bevölkerungsreichen Gegenden zu stützen und damit nicht mehr ausschließlich auf Karsai zu setzen. Negativer Nebeneffekt dabei ist, dass die Konzentration auf die bevölkerungsreichen Gegenden im Osten des Landes, Fluchtorte für die Aufständischen im Hinterland bietet. Darüberhinaus ist es ein sehr schleppender Prozess, der sich Ort für Ort und Stadt für Stadt fortzieht. Dieser wird dadurch verkompliziert, dass wenn die US-Soldaten schließlich wissen, mit wem zu verhandeln ist, ihre Dienstzeit abgelaufen ist und sie das Land verlassen, so die New York Times. Darüberhinaus hätte Karsai nur bedingtes Interesse daran, dass die Amerikaner mit dieser Strategie Erfolg haben würden, schreibt Jackson Diehl. Damit würden parallele Machtstrukturen und mögliche Rivalen kultiviert. Nach fast einem Jahrzehnt zermürbender Kämpfe in Afghanistan und sieben Jahren im Irak, ist das amerikanische Militär immer mehr der Ansicht, dass man den Weg zum Sieg nicht nur erkämpfen könnte, so die Washington Post. Feinde müssten davon überzeugt werden, die Waffen niederzulegen, was man durch Verhandlung und einen gewissen Nachdruck auch erreichen könne. Lokale Beschwerden müssten erhört und ausreichend Sorge für sie getragen werden. Dies sind die Prinzipien auf denen die zukünftige Militäroffensive in Kandahar basiert, welche als die wichtigste des gesamten Krieges angesehen wird.
AfPak
Die anhaltenden Unruhen in den Grenzgebieten zu Pakistan vereinfachen die Aufgabe dabei nicht. Der pakistanische Taliban-Führer, Talib Hakimullah Mehsud, von dem man glaubte, dass er durch eine US-Drohne im Januar ums Leben gekommen sei, lebt, so die Washington Post. Mehsud und einige seiner Anhänger waren vor einer pakistanischen Militäroffensive im Süden der Provinz Waziristan geflohen, die im vergangenen Oktober begonnen hatte, so die New York Times. Obwohl diese, laut dem pakistanischen Militär, im März beendet sein sollte, halten die Kämpfe weiterhin an und damit steigt die Anzahl der Opfer auf pakistanischer Seite. Seit Beginn der Kämpfe 2001 hat die pakistanische Armee 2700 Mann verloren. Auch die Anzahl der getöteten Zivilisten, übersteigt die in Afghanistan. Dieser Umstand trägt zum einen dazu bei, die öffentliche Meinung gegen die Aufständischen anzustacheln. Zum anderen haben die anhaltenden Kämpfe aber auch dazu geführt, dass sich die aufständischen Gruppen in zahlreiche Splittergruppen geteilt haben: eine „giftige Mischung“ aus Paschtunen, Arabern, Usbeken und ethnischen Pandschabis, die für ihre Brutalität gegenüber Schiiten und ihre engen Beziehungen zu Al Qaida bekannt sind. Das Problem dieser Gruppierungen ist außerdem, dass sie einander unterstützen bzw. demjenigen dienen, der dazu bereit ist, ihnen am meisten zu bezahlen. Dennoch plant Pakistan keine großen Veränderungen seiner Strategie: es setzt weiterhin auf Mullah Muhammad Omar, um eine Verbindung zu den afghanischen Taliban aufrechtzuerhalten, berichtet die New York Times.
Schlechte Aussichten
Von der Offensive der Amerikaner hängt somit viel ab. Laut Steve Clemons, Senior Fellow der New America Foundation, würde der Krieg in Afghanistan dazu beitragen, dass Amerikas Macht in jeglicher Hinsicht - politisch, ökonomisch und moralisch - nur kontinuierlich abnehmen würde. Laut Thomas Andrews, ehemaliger Abgeordneter und Vorsitzender der Win Without War Gruppe, würde auch die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung langsam erkennen, dass der Krieg es nicht wert sei, ihn auszufechten. Sogar die Mehrheit der Regierung, die die neue Strategie erarbeitet hätte, wäre nicht mehr zu 100 % von ihr überzeugt. Der ehemalige UN-Gesandte in Afghanistan Peter Galbraith geht sogar noch einen Schritt weiter. Er erklärt den Krieg in Afghanistan für perspektivlos, solange man das Ziel hätte, die Taliban zu besiegen. Hamid Karsai sei kein zuverlässiger Partner, da die lokalen Machthaber nicht hinter ihm stehen würden. Seit seiner Amtseinführung hätte sich darüberhinaus nichts an der Situation im Land geändert. Afghanistan sei immernoch das zweitkorrupteste Land der Welt. Er fragt sich daher, wie irgendjemand meinen könne, dass sich in den nächsten 5 Jahren wirklich etwas an dieser Situation ändern würde. Die afghanische Bevölkerung wisse, dass Karsai nicht rechtmäßig gewählt worden sei, weswegen er auch niemals deren Unterstützung gewinnen würde. Spätestens bei den nächsten Wahlen würde es daher zum Eklat kommen oder schlimmstenfalls zum Bürgerkrieg.