This Land Is Your Land
Donnerstag, Mai 6, 2010 at 04:32PM Die USA sind ein traditionelles Einwanderungsland. Allein zwischen 1990 und 2006 ist die Anzahl der in den USA lebenden legalen und illegalen Immigranten von 20 auf 37 Millionen gestiegen. Die offiziellen Zahlen, der sich heute illegal in den USA aufhaltenden Immigranten, bewegen sich zwischen 8 und 20 Millionen, wobei 12 Millionen die am häufigsten genannte Schätzung ist. Es ist daher nicht überraschend, dass es in der Vergangenheit des Öfteren auch in diesem Bereich zu Reformbestrebungen gekommen ist. Zuletzt ist Präsident George W. Bush am Widerstand beider Parteien gescheitert, als er versuchte, die sich hier illegal befindenden Einwanderer zu legalisieren sowie die Grenze zu sichern (und damit zukünftige Einwanderung zu erschweren).
Zunehmende Probleme
Die Lage spitzt sich weiter zu. Mit zunehmender illegaler Immigration steigen die damit verbundenen Probleme, insbesondere in den Grenzstaaten. Illegale Einwanderer entrichten zwar eine Reihe von indirekten Steuern, die aber nicht immer die von ihnen verursachten lokalen Kosten im Bereich des Bildungs-, Justiz- und Gesundheitswesens decken. Auch wenn weite Teile der Öffentlichkeit häufig die Meinung vertreten, dass illegale Einwanderer das Lohnniveau drücken würden, weist Alan Greenspan, ehemaliger Chairman der US-Notenbank, auf die positiven Auswirkungen illegaler Einwanderer auf das nationale Wirtschaftswachstum hin. Diese würden, laut ihm, die von ihnen verursachten Kosten auf bundesstaatlicher Ebene überschreiten. Es ist also durchaus angebracht, die Immigrationsgesetzgebung zu überarbeiten.
Allein in Arizona sollen derzeit bis zu 450.000 illegale Immigranten leben. Die Zahl der kriminellen Übergriffe, die vereinzelt auch zu Todesfällen geführt haben, hat in der jüngsten Zeit stark zugenommen. Letzten Freitag erst, wurde ein Grenzbeamter angeschossen, vermutlich von illegalen Drogenschmugglern, die die Grenze überqueren wollten, so CNN. Laut dem ehemaligen Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, sind 15% aller Inhaftierten in Arizona illegale Einwanderer, was die höchste Rate der USA ist. Die Anzahl der Entführungen hätte zudem stark zugenommen, nachdem die mexikanischen Drogenkartelle ihre Aktivitäten nördlich der Grenze ausgeweitet hätten. Darüberhinaus seien in den letzten Jahren zwei Polizisten und ein Rancher an der Grenze von illegalen Einwanderern getötet worden.
Local Action – Federal Inaction
Jan Brewer, die Republikanische Gouverneurin von Arizona, musste daher reagieren, schreibt auch die Washington Post. Zum einen weil sie angesichts des nahenden Wahlkampfs unter innenpolitischem Druck von Arizonas Finanzminister Dean Martin steht. Dieser gilt als ihr stärkster Konkurrent bei den Vorwahlen am 24. August. Zum andern, weil von der Regierung in Washington keine entsprechenden Gesetzesreformen zu erwarten wären. Sie wolle Arizona sicher machen und das Gesetz sei zum Wohle jedes einzelnen Bürgers. „Wir in Arizona haben mehr als geduldig darauf gewartet das Washington agiert, aber jahrzehntelange Untätigkeit und fehlgeleitete Politik haben eine untragbare Situation heraufbeschwört,“ so Brewer, während Hunderte vor ihrem Büro in Phoenix demonstrierten. Bereits vor dem Gesetzeserlass, am 23. April, hatten verärgerte Anwälte vieler Immigranten Briefe an die Gouverneurin geschickt, in denen sie sie aufforderten, ihr Vetorecht gegen das Gesetz auszuüben.
Das jüngst von ihr verabschiedete Immigrationsgesetz hat das Thema nun in den öffentlichen Fokus gerückt. Es gilt landesweit als das strikteste Einwanderungsgesetz, so die Washington Post. Die Neuregelung soll in 90 Tagen in Kraft treten und sieht vor, dass alle in Arizona lebenden Immigranten, stets belegen können, dass sie legal im Land sind. Das Gesetz macht es somit zum Verbrechen, wenn Immigranten, die verdächtig, d.h. illegal, aussehen, sich auf Nachfrage nicht ausweisen können, so Politics Daily. Darüberhinaus ermöglicht es Bürgern die jeweilige Stadt oder das County zu verklagen, wenn sie der Meinung sind, dass das Gesetz nicht zur Genüge angewendet wird. Das Gesetz zielt des Weiteren auch auf jene ab, die illegale Immigranten beschäftigen.
Popular Support
Umfragen zufolge unterstützen jedoch 64% der Bevölkerung von Arizona die neue Gesetzgebung und auch landesweit sind 51% der Amerikaner dafür und nur 39% dagegen, so Gingrich. Analysten zufolge ist ein Großteil der in Arizona lebenden Latinos noch nicht wahlberechtigt, weshalb sie politisch nicht so viel Mitspracherecht haben, wie jene in Kalifornien, New Mexico oder Texas, so die New York Times. Fürsprecher des Gesetzes würden daher die Wählergruppe der Latinos nicht als relevant betrachten, so Rodolfo Espino, Professor der Politikwissenschaften an der Arizona State University. Auch der Demokratische Abgeordnete und Zweiter Vorsitzender der Fraktion der Latinos im Landestag von Arizona, Ben Miranda, stimmt hier zu. In anderen Grenzstaaten hätten die Latinos wesentlich mehr politisches Mitspracherecht. In Arizona würde man die Auswirkungen der Immigration jedoch wesentlich deutlicher spüren, weil hier die meisten illegalen Straftaten passieren würden, was wiederum daran läge, dass es das Tor in die USA sei. Hier sei man daher, anders als in den übrigen Grenzstaaten, hysterisch, so Miranda. Die Proteste gegen das Gesetz halten dennoch seit dessen Erlass an. Sogar die mexikanische Regierung warnte jüngst ihre Bürger davor, nach Arizona zu fahren, schreibt der Economist.
Übertriebene Kritik?
Kritiker, wie der Demokratische Repräsentant Raul Grijalva, meinen, dass das Gesetz zur Rassendiskriminierung ermutigt und jene sogar erlauben würde, was verfassungswidrig sei so Politics Daily. Jeder legale Einwanderer würde, aufgrund des Gesetzes, als potentieller Krimineller eingestuft, berichtet auch Roll Call. Ross Douthat meint, dass das Gesetz zwar drastisch sei und illegale Immigranten natürlich nicht mit Durchschnittsverbrechern gleichgesetzt werden könnten. Die Seite der Fürsprecher der Immigranten wäre aber auf dem falschen Weg, wenn sie alles was gegen die illegale Einwanderung beschlossen wird, als rassistisch und grausam bezeichnen würde.
Brewer selber verteidigt ihr Gesetz immer wieder als letzten Ausweg, angesichts der Untätigkeit der Regierung in Washington. Kritikern begegnet sie damit, dass sie spezielle Schulungen für Polizisten einführen möchte, um Verletzungen der Bürgerrechte zu vermeiden. Sie würde im Staat Arizona keine Rassendiskriminierung beziehungsweise „Racial Profiling“akzeptieren. Außerdem sieht das Gesetz eine Ergänzung vor, welche verbietet, Rasse als einzigen Grund für die Anwendung des Gesetzes zu nutzen, so Politics Daily.
Gingrich meint, dass sich die Obama-Regierung der Mehrheit der Amerikaner beugen solle und anstatt Arizonas Gesetz zu kritisieren, lieber selber aktiv werden solle. Die Hauptaufgaben der Regierung in Washington sind seiner Meinung nach: 1) sichere Grenzen, 2) eine pragmatische Einwanderungsreform, die ein Gastarbeiterprogramm und auch ein Vorgehen gegen Arbeitgeber, die Illegale einstellen, vorsieht, und 3) das Versprechen, dass alle Amerikaner in einem sicheren und gesetzestreuen Land leben.
Reaktion aus Washington
Präsident Obama hatte bereits vor dessen Verabschiedung, das Einwanderungsgesetz in Arizona, aufs schärfste kritisiert, schreibt die Washington Post. Bei der Einbürgerungszeremonie von 20 im Ausland geborenen US-Soldaten, ermahnte er dann die Nation einen anderen Weg, als den Arizonas einzuschlagen.
In Washington war man in der Vergangenheit jedoch nicht untätig. Der Republikaner Lindsey Graham aus South Carolina und Demokrat Chuck Schumer aus New York hatten bereits an einem Gesetzesentwurf gearbeitet, so die Washington Post. Dieser bestand aus vier Kernpunkten: Zum einen soll jeder Bürger eine biometrische Sozialversicherungskarte erhalten, um zu gewährleisten, dass kein illegaler Einwanderer mehr einen Arbeitsplatz bekommt. Darüberhinaus sollen die Grenzkontrollen verschärft und die Kontrollen auch im Landesinneren verschärft angewandt werden. Drittens soll ein Verfahren eingeführt werden, um die Registrierung von ausländischen Zeitarbeitern zu vereinfachen. Der vierte Kernpunkt des Gesetzes sieht die Möglichkeit der Legalisierung jener Einwanderer vor, die sich bereits in den USA aufhalten.
Senator Graham, der einzige Republikaner, der bereit war in diesem Punkt mit den Demokraten zusammenzuarbeiten und Mitverfasser dieses Gesetzes ist, erklärte jedoch vergangenen Dienstag, dass man mit dem Gesetz bis zum Jahre 2012 warten solle. Die Bevölkerung wüsste, dass die Grenzen zu Mexiko nicht sicher genug seien, so die Washington Times.
Der Majority Leader der Demokraten im Senat, Harry Reid, griff ihn dafür scharf an und meinte, dass er weiterhin an die Reform glauben würde. Er selber hatte jüngst Partei für die Immigranten ergriffen und das Thema überraschend und abrupt auf die Agenda des Senats gesetzt. Damit stieß er insbesondere dem Republikanischen Senator Graham (sowie auch Senator Lieberman und Senator Kerry) vor den Kopf, da dieser mit seinen Kollegen zunächst an einer überparteilichen Klimawandelgesetzgebung arbeiten wollte und dafür viel Kritik aus den Reihen der Republikaner einstecken musste. Senator Reids abruptes Handeln lässt sich mit dessen eigenen Wahlkampfproblemen erklären. Der langjährige Majority Leader der Demokraten liegt in den Umfragen hinter seiner wahrscheinlichen Republikanischen Kontrahentin und ist deswegen auf die in Nevada zahlenmäßig starke Wählergruppe der Latinos angewiesen, so die Associated Press.
Ohne einen einzigen Republikanischen Senator, der diese Anstrengungen unterstützt, haben Reids Anstrengungen keine reale Chance. Der Grund hierfür liegt wahrscheinlich darin, dass Präsident Obama die Wiederwahlchancen der meisten Demokraten nicht weiter gefährden will, so die Union Tribune. Seine Parteikollegen hätten nicht mehr die Energie, um dieses Jahr weitere heißumstrittene Reformen anzugehen, zitiert ihn die New York Times bereits letzte Woche. Diesen Mittwochabend wiederholte er diese Aussage und deutete an, dass die Debatte dieses Jahr nur begonnen werden, nicht aber zum Abschluss geführt werden könnte, schreibt die Los Angeles Times.
Einen Effekt hat Brewers Unterzeichnung bereits zu verweisen. Das Thema wird nun landesweit diskutiert, wobei erste Gruppen bereits zum Boykott des Bundesstaates aufrufen, so CNN. Interessanterweise schloss sich das Basketballteam der Phoenix Suns den Protesten an und trat gestern aus Anlass des mexikanischen Nationalfeiertags mit Los Suns Trikots an.

