Aus dem Urlaub in den Stress
Freitag, Juni 10, 2011 at 06:10PM Seit dem 27. Mai war Newt Gingrich auf Tauchstation gegangen, nachdem er die Woche davor mit zahllosen Erklärungen, Richtigstellungen und Drohungen mehr schlecht als recht politisch überlebt hatte. Gingrich hatte damals bei einem Interview mit MSNBC den von den Republikanern unterstützten Ryan-Plan mit dem Ziel des langfristigen Ausgleichs des Staatshaushaltes als „right-wing social engineering bezeichnet,“ so die Washington Times damals. Das führte zu einem sofortigen Verlust einer Reihe an wichtigen Spendern und Unterstützern, berichtete die Huffington Post. Das Debakel kulminierte quasi mit der Drohung Gingrichs, keine Teile dieses Interviews zu zeigen, da er unweigerlich außerhalb des Kontextes (und damit zwangsläufig fälschlich) zitiert werden würde, so Gingrich. Von Seiten der Republikanischen Führung hagelte es scharfe Kritik – egal wie die Kampagne Gingrichs ausgehen sollte, so würde seine Aussage in den Werbespots der Demokraten nächsten Herbst endlos abgespielt werden: ein ehemaliger Sprecher des Abgeordnetenhauses und Präsidentschaftskandidat, der die offizielle Gesetzesinitiative seiner Republikanischen Kollegen als radikal bezeichnet.
Auch passte es nicht in das Image eines Präsidentschaftskandidaten (gerade zu Krisenzeiten), dass bekannt wurde, dass Gingrich über mehrere Jahre hinweg einen Kredit zwischen $250.000 und $500.000 beim weltbekannten Juwelier Tiffany hatte (mittlerweile abbezahlt), berichtet der Politico. Die Late Night Talk Show Moderatoren „erklärten“ die Ausgaben mit Hinweis auf Gingrichs drei Ehen und Affären. Danach wurde es zunächst still um den sonst so aktiven Kandidaten, der auch in der Vergangenheit schon dafür bekannt war, sich selbst sein größter Feind zu sein. Diese Woche nun wurde bekannt, dass Gingrich mit seiner Frau auf eine Luxuskreuzfahrt mit der Seaborn Odyssey (mindestens $2499 pro Person) in der Ägäis gegangen war, so der Politico.
Frisch zurückgekehrt sieht sich Gingrich vor der nächsten und möglicherweise letzten Herausforderung: alle seine wichtigsten Berater haben gestern gekündigt, schreibt die Washington Post. Zu den mindestens 16 nun Ex-Beratern gehören sein Wahlkampfmanager Rob Johnson, sein langjähriger Sprecher Rick Tyler, sowie eine Reihe an treuen Wahlkampfstrategen (wie Sam Dawson) und Organisatoren in den Vorwahlstaaten. Alteingesessene Beobachter wie Bob Schieffer bezweifeln, dass sich seine Kampagne von diesem Schlag noch erholen kann, berichtet der Sender CBS News. Auch wenn Gingrich verspricht nicht aufzugeben, so war sein Hauptquartier in Atlanta heute leer und geschlossen. Die Post stapelte sich vor dem Eingang, so die Zeitung Atlanta Journal-Constitution.
Laut dem ehemaliger Sprecher Rick Tyler, ließen sich die unterschiedlichen Vorstellungen zur Planung des Wahlkampfes nicht länger ignorieren bzw. überbrücken, so der Sender ABC News. Zwei Monate vor der ersten wichtigen bzw. traditionellen Umfrage in Iowa, überraschte Gingrich sein Team mit der Entscheidung eine Woche vor Griechenland zu verbringen und offenbarte damit eine Mangel an Organisation und Disziplin (den man schon von ihm kannte), so NBC News. Diese Entscheidung wäre dann nur symbolisch für die wachsenden Differenzen zwischen seinen Beratern und ihm gewesen: seine Berater waren der Meinung, er müsse eine zeit- und arbeitsintensive, traditionelle Graswurzel-Kampagne führen, so Politico. Gingrich wollte sich stattdessen auf einen modernen, technologielastigen Wahlkampf konzentrieren und in den Debatten brillieren.
Dieser Exodus von Beratern bringt nun Zweifel auf, inwiefern Gingrich nun noch die Spenden sammeln und ein Graswurzelnetzwerk aufbauen kann, um erfolgreich antreten zu können, so die USA Today. Seine ehemaligen Berater hatten bereits bemängelt, dass Gingrich nicht genug Zeit damit verbrachte, Spenden zu sammeln und Fundraiser zu halten, schreibt die Washington Times. Der Weekly Standard gibt die Schuld Gingrichs dritter Frau Calista. Diese wollte das Gingrich die Präsidentschaft nicht ganz so verausgabend verfolgt. (Sowohl Haley Barbour und Mitch Daniels hatten in den letzten Monaten z.T. aufgrund der familiären Belastung von einer Kandidatur abgesehen).
Rich Galen, ein ehemaliger Mitarbeiter aus Gingrichs früheren Zeiten, verglich seinen alten Chef dann auch mit einem Profiboxer, der noch einmal in den Ring steigt, für einen Kampf auf den er sich nicht hätte einlassen sollen, so die Associated Press. Derweilen darf sich zumindest Tim Pawlenty ersteinmal freuen: ein wichtiger Unterstützer Gingrichs, der ehemalige Gouverneur von Georgia, Sonny Perdue, steht jetzt hinter dessen Kandidatur, schreibt die New York Times. Letztlich ist aber noch nicht klar, dass Gingrich damit unbedingt am Ende ist. John McCains Kampagne war im Sommer 2007 ebenfalls für tot erklärt worden, um dann wie Phoenix aus der Asche aufzusteigen und Romney im Frühjahr 2008 zu besiegen.
kasusa |
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